Leserbrief: "Digitalisieren ja - aber mit Sinn und Verstand" (CAD.de Newsletter 03.2016)

1. März 2016 AUTODESK Mechanik CAM

Hallo Herr Obermann,

ich las gestern Ihren Newsletter zum Thema „Digitalisieren ja – aber mit Sinn und Verstand“ mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Eins vorweg, ich möchte natürlich keinerlei Ihre Sachkompetenz und Erfahrung in Zweifel ziehen. Dennoch habe auch ich das Bedürfnis zu diesem Thema meine Meinung zu äußern. Denn es gibt aktuell im (vor allem) Deutschen Markt unterschiedliche Betrachtungsweisen dazu.

Ihre Meinung spiegelt den einen Teil wider, meine Meinung spiegelt einen anderen Teil wider. Ich würde sagen „das Traditionelle“ vs. „der Zukunftstrend“. Das hat wohl unter anderem auch mit einem Generationswechsel zu tun, aber nicht nur das spielt in dieses, ja doch leidenschaftlich diskutierte, Thema mit hinein.

Die Sensor-Maschine

Lassen Sie mich kurz Ihr Beispiel aufgreifen. Natürlich ist mir bewusst, dass jedes Beispiel hinkt, aber ich finde es trotzdem ganz angebracht. Die Werkzeugmaschine, voller Sensoren und Steuerintelligenz, die feststellt, dass bald ein Lager über den Jordan geht.

Ihre Schlussfolgerung: Trotz aller intelligenten Sensoren wäre es wohl doch ein Problem, da die Maschine ja von selbst kein Ersatzlager bestellen kann und letztlich doch, wie vorher auch, Menschen sich darüber unterhalten müssen. Im Notfall bleibt sogar genau wegen ihrer Intelligenz die Maschine eigenständig stehen.

Meine Schlussfolgerung: Dank der intelligenten Sensoren erleidet die Fertigung keinen unangekündigten Arbeitsausfall, was eine Lieferverzögerung zufolge haben kann und damit im Normalfall eine Verärgerung des Kunden nach sich zieht oder im schlimmsten Fall eine Vertragsstrafe. Die Maschine wird natürlich (in diesem Jahrzehnt) kaum an einen Vorzugslieferanten gleich eine Bestellung auslösen. Sie wird auch nicht Angebote von verschiedenen Herstellern, bevorzugt regionale, einholen.

Aber die intelligente Maschine wird zu einer besseren Kundenzufriedenheit führen. Sie wird im ERP-System eine Meldung erzeugen, welche Ersatzteile in den nächsten 4 Wochen bestellt werden müssen, ohne dass auch nur ein Mensch mit einer lästigen „Kontrollarbeit“ beschäftigt ist. Das Fertigungsunternehmen hat mehr Kapazität für das eigentlich Wichtige: Das Entwickeln und Fertigen von Produkten, die den Kunden zufriedenstellen. Das Unternehmen wird daraus wieder eine langfristige Kundenbeziehung aufbauen.

Wird es zukünftig dann zu keinem Ausfall mehr kommen? Ich denke schon, dass es dazu kommen wird, aber deutlich reduzierter, deutlich vorhersagbarer, mit deutlich geringeren Kosten.

Industrie 4.0 ist doch schon längst da?

Auch hier möchte ich Ihren Gedanken aufgreifen, dass intelligente Maschinen schon seit 15 Jahren in Mitteleuropa im Einsatz sind. Das kann und will ich auch nicht bestreiten. Aber können Sie sich noch an das Jahr 2001 erinnern?

Der Support für Windows 95 lief aus, Windows XP und Internet Explorer 6.0 wurden veröffentlicht, iTunes wurde erstmals ausgeliefert und der erste iPod wurde verkauft, Intel stellte den 1.13 GHz Pentium III vor, SATA 1.0 und USB 2.0 wurden vorgestellt.

Wegweisend? Absolut! Konnektivität? Wohl kaum.

Industrie 4.0, Future of Making Things oder Internet of Things, ist mehr als nur die reine Verfügbarkeit von Informationen. Es ist das intelligente Auswerten und das Behandeln von Informationen und Prozessen. Und das ist heute schon in den Anfängen möglich und in Zukunft wohl noch intensiver möglich. Genau das ist die Krux. Big Data (übrigens nicht nur global im Internet, sondern im Unternehmen) enthält alle Informationen.

Aber wer wertet sie aus? Die versuchte Voraussage aus 1972 des ZDF, dass Menschen damit beschäftigt sind, alle Informationen auszuwerten, trifft, Gott sei Dank, nicht zu. Stattdessen werden wir uns heute, und in der Zukunft noch mehr, daran gewöhnen müssen, dass Software oder Services gewisse Entscheidungen oder zumindest Entscheidungsvorschläge hervorbringen. Gefiltert aus allen Unternehmensinformationen wie Maschinendaten (MES), vergangenen Bestellungen, Personalauslastung (aktuell benötigte Arbeitszeit für Aufträge, Krankheit, Urlaub) und Forecast des Auftragsbestands.

Genau hier wartet die Zukunft auf uns. Auch wenn heute oft im Scherz darüber gesprochen wird, dass der Kühlschrank Nachrichten verschickt: Ging es Ihnen nicht auch schon einmal so, das Sie im Supermarkt standen und wussten nicht mehr, ob Sie jetzt eine oder zwei Packungen Milch bräuchten? So wird es, wahrscheinlich mit leichter Verzögerung, vom Consumer Market auch in unser Business übertragen werden.

Doch bevor man sich damit beschäftigen kann, wie und ob die Software diese Informationen bewerten kann, müssen erst einmal die Maschinen die Möglichkeit haben zu kommunizieren. Somit sind vielleicht seit 15 Jahren die Maschinen langsam auf dem Weg gesprächiger zu werden, aber das ist erst der erste Schritt.

Ist die Industrie 4.0 schon da? Ja und nein. Wir können schon heute den Gedanken der vernetzten Fertigung zum Teil sehen, aber nur in vollständig automatisierten Fertigungsstraßen. Den Umbruch, den wir aktuell haben, ist die Einführung dieses Gedanken in mittelständischen Unternehmen. Diese haben die Möglichkeit, sich vom Mitbewerber, der eher den traditionellen Weg geht, abzuheben, z. B. durch: Life Feedback an den Kunden (statt „Wo ist mein Paket bei DHL?“, „Wann ist mein bestelltes Produkt bei mir?“), kundenindividuelle Fertigung (von der Bestellung bis zur Auslieferung des customizden Produktes).

Deshalb ja, es gibt bereits einige Elemente, die in den Betrieben schon heute gelebt werden, aber Industrie 4.0 ist der Gesamtprozess. Was bringt es, wenn alle Aufträge im ERP digital erzeugt und für Auswertungen verwaltet werden können, aber jede Bestellung vom Chef unterschrieben per Fax bestätigt werden muss? Dieser Gesamtprozess, natürlich auf die Fertigung bezogen, ist Industrie 4.0, Future of Making Things oder Internet of Things.

Resümee

Wie Sie sehen, haben wir zwei unterschiedliche Ansätze und genau diese „spalten“ aktuell auch die Landschaft der Fertigungsunternehmen, was wir auch vor kurzem bei einer VDMA-Tagung hautnah miterleben konnten.

Eine Frage bleibt offen: Sollte man diesen Weg eingehen, um auch nur 5 % Vorteil gegenüber einem Mitbewerber zu haben? Ich denke, dass die heutigen 5 % Vorteil in der Zukunft entscheiden werden, wer Vorreiter ist und wer gehen muss.

 

Weitere Informationen zu diesem spannenden Thema finden Sie online auf unseren Sonderseiten Industrie 4.0 und MES – Maschinendatenintegration.

 


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